Vor einiger Zeit habe ich bereits den Sisyphos in Camus Gedankenwelt angesprochen. Nun ist mir dank eines einestages-Artikels auf Spiegel Online ein Video von Al Bundy aus der von mir geliebten Serie “Eine schrecklich nette Familie” (im Original „Married…with Children“) auf die Füße gefallen.
An dieser Stelle spricht Bundy mit seiner ehemaligen Schulbibliothekarin, welche vorausgesehen hat, dass Al Bundy als Verlierer enden wird. Er schätzt seine Situation allerdings in diesem Moment ein wenig anders ein. Ich zitiere mal den deutschen Synchonisationstext aus dem einestages-Artikels:
“Sie glauben ich bin ein Verlierer? Nur weil ich einen Scheißjob habe, den ich hasse? Eine Familie, die mich nicht respektiert? Eine Stadt, die den Tag verflucht, an dem ich geboren wurde? Gut, das ist vielleicht für Sie ein Verlierer, aber ich will Ihnen mal was sagen: Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, weiß ich, es kann gar nicht besser werden, bis ich mich wieder schlafen lege. […] Aber ich bin kein Verlierer. Weil ich trotz alledem, genau wie jeder andere, der nie sein wird, was er mal sein wollte, mich doch da draußen rumtreibe und das bin, was ich nicht sein wollte, vierzig Stunden pro Woche, lebenslang. Und die Tatsache, dass ich mir keine Kanone in den Mund stecke, Sie Pudding von einer Frau, macht mich zum Sieger!“
Möglich, dass Al Bundy diese Verteidigung nur antritt, um im Recht zu bleiben. Wahrscheinlich, dass er sich viele Male im Leben selber als Verlierer betrachtet. Aber dennoch lässt er sich jeden Tag in dem kleinen Schuhgeschäft in der Einkaufspassage, von seiner Frau, von seinen Kindern und sogar von seinem Hund Buck (bzw. Lucky) demütigen.
Er weiß aber um seine Situation. Weiß um die eigene Absurdität und seine Stellung in der Welt Doch führt dies zur Kapitulation? Nein! Jeden Tag kämpft Al Bundy aufs neue diesen hoffnungslosen Kampf. Er wird von allen belächelt oder ganz offen ausgelacht.
Die einzigen die gelegentlich zu ihm halten, sind seine Leidensgenossen von NO MA’AM, welche in ihrer Welt einen ähnlich hoffnungslosen Kampf kämpfen. Nutzt man hier das Bild vom Herrn und Sklave, dass Camus in mehreren seiner Bücher aufgreift, so kann man die Frauen (mit Kinder) als Herren und die Männer als Sklaven betrachten. Hin und wieder kommt der Moment in dem die Sklaven bewusst “nein” sagen. In Der Mensch in der Revolte heißt es dazu (S. 22 ff.):
Der Sklave, der sich gegen den Herrn erhebt, denkt nicht daran, diesen Herrn als Menschen zu leugnen. Er leugnet ihn als Herrn. Er Bestreitet sein Recht, ihn, den Sklaven, als Forderung zu leugnen. [...] Mit seinem Protest bestätigte er die Existenz des Herrn, gegen den er sich auflehnte. Und gleichzeitig bewies er, daß er dessen Macht an seine eigenen Abhängigkeit gebunden hielt, und er bekräftigte seine eigenen Macht: unaufhörlich die Überlegenheit dessen in Frage zu stellen, der ihn bis dahin beherrschte. In dieser Hinsicht sind Herr und Knecht in der gleichen Zwangslage: die zeitweilige Herrschaft des einen ist ebenso relativ wie die Unterwerfung des andern.
So gesehen können wir Al Bundy als einen Sklaven in der Revolte ansehen.
Dies macht ihn möglicherweise zum Sisyphos im Sinne Camus. Aber stimmt dies wirklich? So ganz passt es nicht. Immer wieder versucht Al Bundy auszubrechen. So träumt er den Traum des erfolgreichen Footballspielers. Ist diese Utopie die Abweichung vom Sisyphos oder eher der Traum der mit der Revolte einhergeht? Ich bin mir nicht sicher.
Über Sisyphos sagte Camus:
Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Ob dies auch bei Al Bundy zutrifft, darf zumindest bezweifelt werden. Aber möglicherweise ist er tatsächlich glücklich mit seinem Los. Wenn dem so ist, so hat er dies zumindest sehr gut zu verbergen gewusst.







